Genre: Entwicklungsgeschichte

Lesezeit: 10 Min.

von Ramona Hammerl

Regenwolken in der Straßenbahn

Saurer Dunst kriecht in meine Nase. Die feinen Härchen meiner Unterarme stellen sich auf, mir wird plötzlich kalt, obwohl es Juli ist und ich das beißende Licht auf meinen geschlossenen Lidern spüren kann. Meine Handtasche vibriert. Ich öffne die Augen, die Morgensonne blendet mich und es klingelt in meinen Ohren. Dann realisiere ich, ich sitze in der Straßenbahn. Sie schlingert in die nächste Kurve, bimmelt schrill und quietscht, als wäre es ihr nicht recht, dass ich einen ihrer Plastikstühle beschwere.

Ich sehe den gesichtslosen Pendlern zu, die sich in die Bahn quetschen und schaue durch die verschmierten Fenster. Abermals versinke ich im Grau der Fassaden und im rosafarbenen Kaugummi an der Lehne vor mir, als wäre er eine Art Anker. Doch das Gegenteil ist der Fall und meine Gedanken schwimmen zu meinem heutigen Geburtstag. Mein vierundzwanzigster Geburtstag. Schon vibriert das Handy erneut. Ein flinker Blick aufs Display verrät, die Welt beglückwünscht mich mit Floskeln und für drei Sekunden schlägt mein Herz doppelt so schnell, meine Hände werden schwitzig, doch dann erkenne ich, dass mich die zwei wichtigsten Menschen vergessen haben. Meine beste Freundin Eva und meine Mutter.

Aus den Lautsprechern knackst und rauscht es, meine Augen beginnen zu brennen. Ich hole tief Luft, dränge die Tränen zurück und stehe auf, bevor sie mich überrollen. Ich quetsche mich am komatösen Obdachlosen vorbei, dessen Schuppen vom Kopf, auf meine neuen Ballerinas herabrieseln. Ein anderer Fahrgast tritt mit seinem Fuß gegen die Tür. „Geh auf, verdammtes Scheißteil.“

So ist das, wenn du kaputt bist. Du wirst ignoriert, weggeschmissen und von der Welt getreten.

Ich möchte Eva anrufen. Meine Augen brennen immer stärker, denn ich weiß, das ist unmöglich. Sie blockiert mich seit drei Tagen, als sie sagte. „Dominika, mach eine Therapie.“ Sie hat mir folgende Begründung vor die Füße gespuckt. „Wie du dich verhältst, so kann dich niemand mehr ernst nehmen. Wegen Problemen, die du dir selbst einbrockst. Heul in Zukunft jemanden anderen voll und überleg einfach mal, was du tust! Ruf mich nicht mehr ständig an!“

Sie meinte wohl, ruf mich nie wieder an.

Ein Passagier mit Kapuzenpulli drängt an mir vorbei, rempelt mich zur Seite und ich klammere mich an eine Haltestange. Heiße Tränen bilden sich in meinen Augenwinkeln und kullern an meinen Wangen herab.

Ich bin unsichtbar.

„Dominika?“, höre ich jemanden meinen Namen sagen und wirble herum. Schnell wische ich mir mit dem Handrücken über mein Gesicht. Es ist Lilly, die ich von einem Gastrojob kenne. Sie winkt mir zu und mein Herz galoppiert. Meine Mundwinkel schnellen nach oben und ich stolpere ein paar Meter weiter vorne zu ihr hinüber. „Hey Lilly!“

„Wow, du hast jetzt blonde Haare“, sagt sie. „Ist das wasserstoffblond?“ Sie mustert mich von oben bis unten. „Ach, das ist übrigens Simon. Ein Neuzuwachs in unserer WG.“ Sie zeigt auf den großgewachsenen jungen Mann neben ihr, der freundlich nickt.

„Tolle Locken“, sagt er mit einem vorsichtigen Zwinkern. „Und tolles Kleid.“

Ich kann nicht anders als ihn anzustrahlen. „Danke!“ Und fahre mir mit meinen Fingern durch meine Haarpracht. „Hab mal eine Veränderung gebraucht.“

„Und was machst du hier?“, fragt Lilly.

„Ich bin auf dem Weg zur Schauspielschule.“ Mit einem kleinen Knicks und einer ausladenden Armbewegung untermale ich meine Bühnenliebe in der schaukelnden Straßenbahn und streife versehentlich einen der anderen Fahrgäste. „Oh, sorry!“

Lillys Augen weiten sich. „Das sind ja Neuigkeiten! Und überrascht mich ehrlich gesagt überhaupt nicht, du bist einfach ein Naturtalent!“

„Danke“, sage ich und wachse ein paar Zentimeter Richtung Decke, obwohl auch Lilly meinen Geburtstag vergessen hat. Die Straßenbahn schaukelt in die nächste enge Kurve und ich halte mich an einer Schlaufe über mir fest.

Ich bemerke Lillys Augenbrauen nach unten rutschen und kurz sticht es in meiner Magengegend. Dann sagt sie: „Tut mir übrigens leid. Ich habe gehört, du und dein Freund, ihr habt euch getrennt.“

Es sticht erneut, diesmal heftiger. „Jaa.“ Mit der einen Hand schiebe ich etwas Unsichtbares nach unten weg, aber meine Mundwinkel behalte ich gekonnt oben. Mit der anderen kralle ich mich weiterhin in die Schlaufe und meine Fingernägel bohren sich ins Fleisch meines Handballens, bis es weh tut. Ich wehre mich mit aller Kraft gegen die Kurve, nur um dann doch zur Seite gezogen zu werden. Ich beiße die Zähne zusammen, bis ich das Gleichgewicht einigermaßen zurückhabe und sage: „Das hat einfach nicht gepasst, wir beide wussten das. Ihr wisst schon.“ Ich ahme die tiefe Stimme meines Exfreunds nach. „Es liegt nicht an dir Baby, es ist wegen mir. Wir können auf jeden Fall Freunde bleiben.“ Ich lache schrill auf. „Schwachsinn oder?“

Lilly und ihr Begleiter lachen ebenso, aber mit schiefgezogenen Lippen. Mit einem jammernden Quietschton kündigt sich die nächste enge Kurve an und ich wünsche mir, die Straßenbahn möge hier und jetzt entgleisen. Erneut ziehen die Fliehkräfte an mir, ich schließe kurz die Augen, spüre graue Regenwolken aufziehen, die alles andere verdrängen, mich auffressen wollen und die Härchen auf meinen Armen stellen sich abermals auf. Doch zwei Minuten später, steigen wir putzmunter an der nächsten Station aus.

„Mensch, das bewundere ich so an dir“, sagt Lilly draußen an der Haltestelle. „Du bist immer so gut gelaunt.“

Ich nicke automatisch und obwohl sich die schwarze Wolke hinter meinen Augen festzubeißen scheint, wird es in meinem Magen wohlig warm. Ich grinse noch ein bisschen mehr.

„Wir sehen uns bestimmt bald wieder beim Kellnern?“, fragt Lilly. „Simon und ich müssen weiter. Ich zeige ihm die Stadt.“

„Klar“, sage ich und umarme sie.

Simon räuspert sich. „Es war schön, dich kennengelernt zu haben.“ Er umarmt mich ebenfalls und drückt mir dabei unbemerkt seine Visitenkarte in die Hand.

Am nächsten Morgen blicke ich auf den Cola-Fleck unter meinen Füßen in der Straßenbahn. Am gleichen Platz wie tags zuvor, sitze ich da, hebe meinen Sneaker mit einem schmatzenden Geräusch an. „Ihh-gitt.“

Ich bin die Cola an meinem Schuh.

„Danke für die heiße Nacht.“ Die Worte, mit denen sich Simon heute Morgen verabschiedet hat, hallen in meinen Ohren nach. „Bitte sag Lilly nichts davon, das käme vielleicht blöd, wenn sie das wüsste.“

Die Straßenbahn wimmert und quietscht, ich sehe die nächste Kurve vor uns, atme aus und schließe die Augen. Ein bitterer Geschmack liegt auf meiner Zunge und ich fühle die Aura meiner Mutter, rieche den Essigreiniger, den sie in den Händen hielt, als sie damals sagte: „Dich wird nie einer lieben, Dominika, gewöhn dich daran.“ Ich war fünfzehn und saß heulend am Küchentisch, weil mich mein erster Freund verlassen hatte.

Ich öffne die Augen, Tränen verschleiern meine Sicht, so als ob mein Kopf abermals in einer dunklen Wolke gefangen wäre. Die Bahn quält sich dahin. Mein Handy ist überfüllt von Nachrichten über Nachrichten von Bekannten. Aber keine von Eva oder meiner Mutter. Mit der Schulter drücke ich mich an das schmutzige Glas, ich arbeite nicht mehr gegen die Fliehkraft an, als die Bimmelbahn in die nächste enge Kurve zittert. Stockend sauge ich die abgestandene Luft ein und Tränen laufen über mein taubes Gesicht.

Ist das hier das normale Leben? Was mache ich nur? Wahrscheinlich haben meine Mutter und Eva mit allem Recht. Ich bin selbst schuld daran, dass mich keiner ernst nimmt. Und mich niemand liebt.

Ich schluchze lauter, als die Straßenbahn je heulen könnte, und spüre die empörten Blicke der Leute um mich herum. Erst an der Endstation merke ich, dass ich meine Haltestelle verpasst habe, steige aus und fühle den frischen Wind auf meinen feuchten Wangen. Was soll ich nur tun? Ich mache alles falsch. Ich bin falsch.

Ziellos laufe ich umher, setze mich auf eine Bank am Rande eines Parks und weine weiter. Meine Finger wandern über das raue Holz, kratzen einzelne Späne daraus hervor. Da liegt auch etwas Glattes. Papier. Nach einer Weile hebe ich einen der Flyer an, auf denen ich halb sitze.

„Du bist wertvoll“, lese ich darauf.

Mein Kopf kippt nach unten weg, ein kleiner Schrei verstummt unter weiteren Tränen, die ungebremst auf meinen Rock fallen und hässliche, dunkle Stellen hinterlassen. Ein paar Minuten sitze ich so, bis es unangenehm im Nacken zieht, dann entziffere ich die nächsten Sätze.

„Du bist auf einem schwierigen Weg? Hast Angst zu entgleisen?“

Mir wird übel. Ich wische die Tränen aus meinem Gesicht und atme tief durch.

„Komm in unsere Meditationsgruppe und lerne mit dem Stress des Alltags besser umzugehen. Lerne dich kennen. Finde dein Gleichgewicht. Lerne dich lieben. Denn du hast es verdient.“

Kommentar der Autorin:
Ein Artikel zum Thema histrionische Persönlichkeitsstörungen inspirierte mich zu dieser Kurzgeschichte. Die Probleme die dadurch im Lebensalltag entstehen und wie Menschen es schaffen können, diese zu überwinden, haben mich tief berührt.