Genre: Krimi

Lesezeit: 10 Min.

von Ramona Hammerl

Deine Zeit ist abgelaufen

Ich kontrollierte meine Uhr am Handgelenk. 17:22 Uhr. Seit dem Tod meines Vaters war sie wie festgewachsen an meiner Hand. Mein Leben folgte einem unverrückbaren Rhythmus. Tick – 17:25 Uhr. Ich sperrte den Hausmeisterspint ab, dann schaute ich zu den Kellerabteilen zurück und ein komisches Gefühl züngelte durch meine Eingeweide. Ich löschte das Licht und tack. 17:29 Uhr. Es war Zeit, pünktlich zu gehen. Der Pförtner grüßte mich freundlich wie immer, ich grüßte zurück, quälte mir ein Lächeln ab. Durch die Drehtür verließ ich das verwaiste Bürogebäude, querte den menschenleeren Platz. Hinter mir gähnten die dunklen Fenster der Plattenbauten auf mich hinunter.

17:35 Uhr. Der Bus an der Endhaltestelle fuhr vor. Willy Otembra, dessen Wampe kaum Platz hinter seinem Lenkrad fand, nickte mir zu.

„Schöner Abend heute“, sagte ich.

„Soll aber noch regnen“, gab Otembra zurück.

Ich nahm wie jeden Tag an der gleichen Stelle im leeren Bus Platz und holte das Tagblatt aus meiner Umhängetasche. Ein Knistern lag auf meiner Zunge.

Der Sensenmann-Mörder schlägt wieder zu!‘, stand auf der ersten Seite. ‚Erneut eine Prostituierte tot aufgefunden.
Ich sog jedes einzelne Wort in mich auf, blendete das gewohnte Hintergrundsurren des Motors und das Quietschen der sich schließenden Tür aus. Egal, wie beruhigend diese Geräusche sonst auf mich wirkten, der nächste Satz provozierte ein Kribbelgefühl in mir, das tief in mir wohnte, doch zu selten geweckt wurde. ‚Der Serienmörder bleibt seiner Linie treu. ‚Deine Zeit ist abgelaufen‘, eingeritzt in die Brust einer 21-jährigen. Das weibliche Opfer, dessen Identität –.‘

Mein Kopf wurde mit einem heftigen Ruck nach vorne geschleudert. Ich knallte mit der Nase gegen die Lehne und hörte die Reifen quietschten, gleichzeitig gab es einen dumpfen Aufprall. Meine Nase pochte schmerzhaft, doch zumindest schmeckte ich kein Blut.

„Was ist passiert?“, fragte ich und rappelte mich auf.

„Da. Da war eine Frau.“ Zeitverzögert fügte Otembra hinzu. „Ich habe sie umgefahren.“

„Was?“ Ich sprang nach vorne. „Öffnen Sie die Tür.“

Draußen vor der Stoßstange sah ich sie liegen. Ein blasses, nacktes Geschöpf. Mit lediglich einer Unterhose bekleidet, krümmte sie sich vor Schmerz, Blut schoss aus ihrer Nase und sie hielt ihr rechtes Bein umklammert. Mein Herz fing an zu rasen, als ich sie erkannte.

17:38 Uhr. Ich scannte das Mädchen und ihre Verletzungen. Ihr Bein war definitiv hinüber, der Winkel in dem es abstand war nicht physiologisch. Sicherlich hatte sie mindestens eine Gehirnerschütterung und eine gebrochene Nase. Sie ließ ihren Kopf wimmernd zu Boden sinken, blinzelte mit ihren Augen, wirkte verloren in einer Dämmerwelt. Scheiße. Ich begann zu schwitzen. Zum Sterben würde das aber nicht reichen. Ich ging gedanklich mehrere Lösungen für das Problem durch und beobachtete sie weiter. Sie schien langsam wieder zu sich zu kommen, hob ihren Kopf und blickte mich an. Ihre rechte Augenbraue fing an zu zucken. Natürlich hatte sie mich erkannt. Zwei Sekunden später schrie sie wie ein hilfloses Baby. Sie versuchte, davon zu krabbeln. Die Hure schaffte keinen einzigen Meter und sackte bei jedem Versuch, ihr Bein zu belasten in sich zusammen.

Ich trat mit meinem Fuß auf sie, als wollte ich einen Käfer zerquetschen. Sie jaulte und in mir zuckte etwas, es prickelte, doch konnte ich mich dieser Wonne jetzt nicht hingeben, die Situation war völlig außer Kontrolle. Verdammt.

„Wie hast du es raus geschafft?“, fragte ich sie, biss mir auf die Unterlippe und ignorierte meinen sich verkrampfenden Magen.

Sie sah mich mit verschreckten Augen an, dann fokussierten ihre Pupillen jemanden neben mir. Eilig zog ich meinen Fuß zurück.

„Sie lebt noch!“ Es war Otembra, der völlig geschockt aussah und handlungsunfähig hinter mir stand.

„Rufen Sie den Notarzt!“, rief ich ihm zu und schickte ihn mit einer Handbewegung weg. Ich sah, wie er zitternd sein Handy aus der Hosentasche zog und dann hinter seinem Bus verschwand. Dann wandte ich mich wieder dieser Dreckshure zu. Der Schweiß stand mir mittlerweile auf der Stirn.

„Das war dein größter Fehler, du nutzloses Stück. Sag mir nur eins. Wie bist du entkommen?“ Ich kniete mich neben sie, so nah wie möglich, doch außer Reichweite für ihre blutverschmierten Hände.

„Bitte lassen Sie mich gehen, ich nix sagen werde. Versprochen. Mir sowieso niemand glauben.“ Sie weinte, Tränen liefen über ihr zartes Gesicht und verwandelten es zusammen mit dem Blut in ein scheußliches Gemälde.

Ich sah sie an, war mir nicht so sicher, ob ihr niemand glauben würde. Mein Herz schlug wild in meiner Brust. Unter ihrem Schlüsselbein sah ich die Schnitte, die ich ihr vor zwei Tagen zugefügt hatte. Das Prickeln in meinem Inneren drängelte sich erneut in den Vordergrund. Ein inneres Brennen stieg in mir auf und ich sog krampfhaft die Luft ein. Nicht jetzt! Sie durfte der Polizei auf keinen Fall lebend in die Hände fallen. Konzentrier dich! Mit zitternden Händen tastete ich den Boden ab, dabei ließ ich sie keine Sekunde aus den Augen.

Mein Herz galoppierte immer schneller. Wie konnte ich nur so versagen und die Kontrolle verlieren? Es war unmöglich, aus meinem selbstkonstruierten Kellerverließ zu fliehen. Ich spürte einen losen Pflasterstein zwischen meinen Fingern, hob ihn einhändig auf und sah auf die Uhr. 17:40 Uhr. Die Zeit lief mir davon.

„Wie bist du entkommen?“

Sie sah mich nur an.

Ich preschte den Pflasterstein auf ihren Oberschenkel. Sie schrie, ihre Lippen bebten vor Schmerz. Tränen schossen aus ihren Augen. Schade. Mit ihr hätte ich noch viel Spaß haben können. Perplex hielt ich dann inne und stellte fest, dass sie lächelte. War sie verrückt geworden vor Angst und Qualen?

„Du verloren, alter Mann.“ Ihre Stimme klang hart. „Sie sind weg. Alle weggelaufen.“ Sie lachte schmerzverzerrt, wie aus einem Horrorfilm, in den ich sie gesteckt hatte.

Nein. Das war unvorstellbar. Die drei anderen Mädchen konnten unmöglich auch geflohen sein. Meine Sicherheitsvorkehrungen waren unüberwindbar. Doch vor mir lag der Beweis, dass es nicht so war. Mein Magen schmerzte mittlerweile so sehr, dass mir übel wurde. ‚Du warst schon immer ein Versager!’, hörte ich meinen toten Vater nach mir rufen. ‚Absolut unfähig und nutzlos.‘

„Nein!“, schrie ich. „Du dreckige Hure!“

Sie quälte sich ein schmerzverzerrtes Lächeln ab. „Wir haben dich beobachtet. Ständig alles kontrollierst. Doch heute, du hast vergessen.“

Es dämmerte mir sofort. Zwei Sekunden der Verwirrung. Ich hatte es vergessen. Den Schalter, der das Schloss elektronisch sicherte, dessen Klacken hatte vorhin im Keller gefehlt. ‚Du bist eine Schande!‘, echote es in mir. Ich hatte das Gefühl mich übergeben zu müssen.

„In alle Richtungen gelaufen“, sprudelte es aus ihr heraus.

Ihre Worte brannten mich auf. Entweder ich kotzte sie jetzt voll oder ich brachte sie auf der Stelle um. „Sei still!“, brüllte ich, doch sie verhöhnte mich weiter.

„Bestimmt schon bei Polizei!“ Sie grinste dreckig.

„Sei endlich still!“ Ich hob den Stein, überlegte keine Sekunde länger und schmetterte ihn auf ihr Gesicht. „Sei still!“ Ich hörte ihren Schädel knacken, schlug dann erneut zu. Wieder und wieder. Ich schrie und zuckte zusammen. Mein Jammern war das eines Taugenichts.

Regungslos lag sie vor mir. Ich ekelte mich. Ihr eingedrücktes Gesicht war mir egal. Doch ich widerte mich selbst an. Was würde Vater dazu sagen. Ich hatte versagt. Kein Prickeln, keine innere Zufriedenheit dieses Mal. Nur endlose Leere und Rauschen in meinen Ohren.

Ich sah auf meine Uhr. 17:44 Uhr. Hinter der Straßenecke sah ich blau flackerndes Licht.

Jetzt war alles zu spät.