Im Nebel

Genre: Geschichten aus dem Alltag
Lesezeit: 10 Min.
von Ramona Hammerl

Es war, als hätte er auf Jennifer Duster gewartet. Wie er mit flehender Miene dasaß, mitten im Wendekreis der Klinikeinfahrt, die Zunge hing aus seinem Maul und sein lockiges Fell war ganz durchnässt. Er war ein langbeiniger Airedale Terrier. Sein Äußeres erinnerte sie an modriges Holz. Sie schaute ihn über den Rand ihrer Brille hinweg an, diese armselige Gestalt, schloss kurz die Augen und eilte dann an ihm vorbei.

Für den verwaisten Schleichweg von der Klinik bis nach Hause brauchte sie fünfzehn Minuten zu Fuß. Sie ließ die mit Neonröhren ausgeleuchteten Katakomben hinter sich. Die Stahlkäfige, der beißendsüße Duft von Desinfektionsmittel und Tierkot. Fünf Ratten, zwei Affen und ein Hund waren in der heutigen Schicht krepiert. Und Jennifer war dafür verantwortlich.

Sie nahm einen tiefen Atemzug von der nasskalten Novemberluft. Der Nebel hüllte den Trampelpfad ein, der zwischen den Feldern am Rande der Stadt verlief, wie dichte Spinnweben, die das Sonnenlicht verschluckten.

Ein leises Hecheln. Es kam von hinten. Sie drehte sich um und da stand er wieder. „Schscht“, zischte sie und versuchte ihren vierbeinigen Verfolger mit einer Handbewegung zu vertreiben. „Verschwinde einfach.“ Er rührte sich nicht. Sah ihr direkt in die Augen.

Sie stöhnte, ignorierte das Tier und lief den schlammiger werdenden Weg heimwärts. Hoffentlich war Sven daheim. Und bitte lieber Gott würde er nicht schon wieder um die Häuser ziehen wollen, mit Freunden, die sie verachteten und die Jennifer ebenso wenig ausstehen konnte. Er ließ sie ständig in Stich. Ließ sie allein mit ihren Gedanken. Dabei bräuchte sie ihn mehr denn je. Wahrscheinlich würde er ihr aus Mitleid anbieten mitzukommen. Sie beide wüssten das und Jennifer würde trotzdem ja sagen. Das war ihr lieber. Unerwünscht, aber zumindest nicht alleine. Wenn er sich bloß besser um sie kümmern würde. Mit ihm fühlte sie sich jedenfalls genauso vernachlässigt, wie mit seinen Vorgängern.

Ein Bellen ließ ihre Gedanken zurück auf den kalten Novemberboden fallen. Er schon wieder. Ihr Magen verkrampfte sich. „Was willst du denn von mir?“, schrie sie den Hund hinter sich an. „Hau! Endlich! Ab! Geh nach Hause!“

Falls er eins hätte. Der Streuner legte sich mittig auf den Pfad, sah zu ihr hoch und blieb ansonsten still. Er würde schon alleine zurechtkommen. Sie war ja schließlich auch ständig dazu gezwungen. Das Leben war ungerecht und auf die Hilfe von anderen war kein Verlass.

Die Dämmerung setzte ein, Jennifer wandte sich ab und rannte schneller. Nicht nur, um den Köter abzuschütteln, sondern auch aus Angst, sie könnte Sven verpassen. Der Mistkerl würde vielleicht sogar ohne sie losziehen. Trotz der Kälte lief ihr der Schweiß im Nacken hinunter. Mit jedem Schritt brannte ihr Inneres ein bisschen mehr. Jennifer biss die Zähne zusammen.

„Der Job macht dich noch irre“, hatte Sven gesagt. Wegen der Monotonie. Testmedikamente verabreichen. Testobjekte beobachten. Dokumentieren. Kadaver von krepierten Ratten entsorgen. Nachhelfen, wenn der Chef befahl, es war Zeit zum Abmurksen.

Wuff! Da lag glitschiges Laub. Als Jennifer das registrierte, glitten ihre Beine bereits nach vorne und sie flog mit rudernden Armen und ihrem Hintern voraus in den Matsch. Wuff! Ein stechender Schmerz in ihrem Steißbein übertrumpfte jetzt fast ihre Magenkrämpfe. Aber nur beinahe. Sie stöhnte laut auf. Und er stand nun direkt vor ihr. Auf Augenhöhe. Die Tropfen am Fell um seine Augen herum sahen aus, wie dicke Tränen.

„Ich kann dir nicht helfen“, sagte sie. Unter weiterem Stöhnen schaute sie auf ihre dreckigen Hände. „Auuu.“ Eine warme Träne kullerte über ihre eisige Wange. Der Wuschelhund kam noch näher, stolperte über ihre von sich gestreckten Beine und rieb seinen rauen Terrierkopf direkt in ihr Gesicht. „Ihh, du bist eklig nass.“ Sie drückte ihn zur Seite. Er winselte. Jennifer wollte am liebsten mitwinseln. Der Hund mit dem Kopf einer Drahtbürste rückte nicht ab. „Sorry. Ich bin als Frauchen nicht zu gebrauchen.“ Sein Atem müffelte und ihr fiel auf, dass er kein Halsband trug. „Um dich kümmert sich auch niemand.“ Dann strömten ihre Tränen ungebremst über ihr Gesicht. Sie schluchzte, griff ins Fell hinter seinem Ohr, kraulte ihn und er legte seinen Kopf schief, sah sie an, als wolle er sie trösten. „Vom Schmutz abgesehen, bist du eigentlich ein hübscher Kerl,“ stellte sie fest. Aber für ihn könnte sie jetzt nicht auch noch Verantwortung tragen. Wer sorgte sich denn um sie?

Jennifer rappelte sich auf. Sie war voll mit Schlamm, durchnässt und ihr war kalt. Mit tiefschwarzen Augen suchte er hoffnungsvoll nach ihrem Blick. „Schau nicht so. Ich kapiere schon, wie du dich fühlst.“ Sie wischte sich die Tränen am Ärmel ihrer Jacke ab, Zog die Nase hoch und sah sich um. Außer Nebel und Dunkelheit gab es nichts.

„Oh man. Ach scheiße. Sven bringt mich um, wenn ich dich mitnehme.“ Sie streichelte dem Hund über seinen Lockenkopf. Er kuschelte sich an ihre Beine. Sie fühlte Wärme. Das war schön. Sie kraulte noch eine Zeit lang seinen Kopf, sah ihm zu, wie er die Zuwendung genoss.

Ein kleines Lächeln bildete sich auf ihren Lippen. „Na gut. Du darfst erstmal mit und wir schauen, wem du gehörst.“

Falls Sven ausziehen würde, wäre locker genug Platz für einen Hund.