Das Erdloch

Genre: Geschichten aus dem Alltag
Lesezeit: 10 Min.
von Ramona Hammerl

Ich bügelte die Hemden für meinen Mann, als ich ein lautes Rattern hörte. Das Geräusch kam von draußen, von der Straße. Dann sah ich das Ungetüm. Der rote Bagger steuerte schnurstracks auf das Grundstück meiner Nachbarn zu. Er rammte die perfekt getrimmte Hecke der Boisenbergers und walzte sie nieder.

Ich blinzelte, traute meinen Augen kaum. Seit zwanzig Jahren wohnte ich neben Karla und Siegfried, den beiden Sonnenanbetern. Auf den Sonnenliegen vor ihrem Schickimickihaus liegend, wurden sie bislang noch nie gestört.

Ich sah, wie Karla als erste hochsprang, ihr Mann schien der Schockstarre verfallen zu sein. Der Bagger senkte seine Schaufel und fraß sich in den gepflegten Rasen. Ich hörte Karla schreien und beobachtete, wie sie in ihrem neongrünen Bikini um das entstehende Erdloch herumtänzelte.

Das musste ich genauer sehen. Zwei Sekunden später stand ich inmitten von Unkräutern, an der Grenze unserer beider Gärten und lugte zwischen meinen halbverdorrten Buchsbäumen hindurch, über die Rosensträucher von Frau Boisenberger. Ich hatte noch nie einen grünen Daumen, im Gegensatz zu ihr, obwohl ich sie nie im Garten arbeiten sah. Ich sah sie ständig nur faulenzen. Beide lagen dauernd in der Sonne, ölig und glänzend, wie kleine Sultane. Wahrscheinlich hatten sie einen Gärtner, der immer dann vorbeikam, wenn ich an der Supermarktkasse schuftete.

„Hallo Frau Recking.“

Ich fuhr herum. Die betagte Frau Zießelsberger, eine weitere Nachbarin, spähte über ihren Teil des Zauns. Ich grüßte sie hastig zurück und verkniff es mir, der Zwergin einen Schemel anzuraten. „Was meinen Sie, was da los ist?“, fragte ich die Alte stattdessen und spähte zum Sohn der Boisenbergers, der aus dem Bagger stieg. Ich konnte die Szenerie kaum glauben, ein kleines Loch entstellte den sonst saftgrünen Rasen und ich sah Karla toben und wild mit ihren Händen vor ihrem Sohn herumfuchteln. Ich hätte zu gerne gehört, was sie schrie.

Frau Zießelsberger lachte leise neben mir. „Nun, anscheinend ist der Sohnemann mit der Gartengestaltung nicht einverstanden.“

Ich grinste heimlich in mich hinein. „Ich dachte, der Sohn wäre so wohlgeraten“, sagte ich laut. „Karla hat mir erzählt, er studiert jetzt an einer Eliteuni. Das finde ich jetzt aber interessant.“

Die schrumpelige Frau brummte. „Na, wer hat keine Probleme in der Familie? Wir alle haben das.“

„Und wie sich die Karla aufregen kann. Sonst ist sie immer gelassen und tut, als ob sie nichts aus der Ruhe bringt.“

„Na, würden Sie ruhig bleiben, wenn Ihr Söhnchen Ihnen den Garten umgräbt?“ Die Alte lachte erneut. „Wobei, bei mir dürfte er ruhig mal vorbeischauen und seine Kraft an meinen viel zu großen Johannisbeersträuchern rauslassen. Sonst sehe ich da bald nicht mehr drüber und verpasse den ganzen Spaß in der Nachbarschaft.“

Ich hörte ihr kaum zu und beobachtete Siegfried, der seine Frau in den Arm nahm. Karla weinte. Ihr Sohn stieg in den Bagger ein, knallte die Tür zu und preschte im Rückwärtsgang durch das Loch in der Hecke davon. Ich beobachtete die Eltern, die zurück blieben mit ihren Löchern. In der Hecke, im Boden und im Herzen?

Dann hob Karla den Kopf von der Schulter ihres Mannes und sah zu uns herüber. Mist. Eilig lehnte ich mich nach hinten, drückte meinen Körper in den Strauch hinein. „Schnell, die sehen uns noch“, sagte ich zur Alten, die, und mir blieb fast das Herz stehen, ihren Arm zur Begrüßung hob. „Hallo, Frau Boisenberger! Söhne drehen manchmal durch, meiner hat damals auch ganz schön viel Mist gebaut. Wissen Sie noch?“

Ich verlor den Halt und rutschte am Buchsbaum hinunter. Mein Hintern landete zwischen Löwenzahn und grober Erde. Steinchen pickten mir in den Po und Zweige zerkratzten mir den Nacken. Was tat ich hier eigentlich? Ich sah zu Frau Zießelsberger hoch. Diese drehte sich erneut zu mir, zuckte die Schultern, setzte ein Lächeln auf und sagte. „Aus dem Erdloch könnten die einen schnuckeligen Gartenteich machen. Die werden sich schon wieder zusammenraufen. Ich muss zurück an meinen Herd.“ Sie wandte sich ab, hielt dann aber inne und sah mich noch einmal an. Ich hatte das Gefühl, gleich eine Standpredigt zu erhalten, die ich völlig verdient gehabt hätte. Ich fühlte mich scheußlich.

„Sie haben sowieso den schöneren Garten finde ich. Der ist so natürlich. Da gibt es zumindest noch Insekten und man soll ja die Natur genießen“, sagte sie. „Übrigens, ich glaube Sie sitzen auf einem Ameisenhaufen. Ihnen krabbeln überall kleine Viecherlein hoch.“