Genre: Fantasy/ Krimi/ Horror

Lesezeit: 10 Min.

von Ramona Hammerl

Anguana kommt dich holen!

Bobby bellte und sprang in der Hütte auf und ab. „Was ist denn los mit dir?“, fragte ich meinen Jack Russel Terrier, der weiter an der Holztür kratzte und knurrte. „Gewitter machen dir doch sonst nichts aus.“ In dem Moment erhellte ein Blitz den mit Eichenholzmöbeln überladenen Innenraum, vier Sekunden später antwortete der Donner. Die Familienhütte in meiner Heimat, den Südtiroler Alpen, war sonst immer mein Lieblingsort auf dieser Welt gewesen. „Bobby, leg dich hier hin“, sagte ich und versuchte den Vierbeiner von der Tür wegzuschieben, durch die ich schon als Kleinkind gestolpert war. Oma hatte mich wieder auf die Füße hochgezogen. „Bobby, Frauchen hätte gerne etwas Ruhe und Entspannung.“ Doch er wollte davon nichts wissen, befreite sich, rannte erneut zur Tür und kläffte weiter.
Mit einem Stöhnen plumpste ich auf die Couch gegenüber, ließ Bobby toben und starrte an die Decke. Draußen knackten die Äste und der Regen prasselte immer lauter gegen die winzigen Fenster. Mit meinem Bruder hatte ich mir früher vorgestellt, die Hütte wäre lebendig. Sie könne sich bewegen, sobald alle die Augen geschlossen hielten. Der Gedanke bereitete mir auch jetzt noch eine Gänsehaut.

Und dann. Plötzlich Stille. Ein weiterer Blitz und ein Klopfen an der Tür.

Tack, tack.

Ich schnellte hoch, stand in Sekundenschnelle da, wie früher beim Kickboxtraining. Mein Herz raste. Die Tür schwang in dem Moment auf, als ich begriff, dass ich sie nicht abgeschlossen hatte. Dazu hatte es sonst nie einen Grund gegeben. Eine Gestalt taumelte ins Innere der Hütte, Wasser spritzte von seinem dunklen Mantel und eine Hand zog die Kapuze zurück.
Mein Mund klappte auf, ich hob meine linke Faust vor mein Gesicht, Bobby winselte und verschwand in einer Ecke. Vor mir kämpfte ein Mann Mitte vierzig, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Mark Wahlberg hatte, mit seinem Gleichgewicht. Er hatte längere, strubbelige Haare und sein Bart einige kahlen Stellen.

„Hallo? Was wollen Sie hier?“, fragte ich. Meine Nackenhaare stellten sich auf und zwar nicht nur wegen der eisigen Luft, die durch die offene Tür herein wirbelte. „Sind Sie verletzt?“ Der Typ atmete schwer, wie Bobby, wenn sein Jagdinstinkt mit ihm durchgeht. Er stützte seine Hände auf die Knie und sah mich mit faltiger Stirn von unten herauf an. „Haben Sie sich verlaufen?“, fragte ich weiter. Bobby knurrte aus seiner Ecke heraus.

„Es ist da draußen!“, sagte der Fremde und ich zuckte zusammen.

„Es? Was soll da draußen sein?“

„Es hat mich verfolgt. Wollte mich im Bach ertränken.“

Ich traute meinen Ohren nicht. Das war ein Verrückter. Wahrscheinlich beim Wandern im Wald verirrt und jetzt ganz durcheinander vor Angst.

„Ich hätte nie geglaubt … Aber die Geschichten sind alle wahr! Es gibt sie wirklich! Es wird auch dich holen!

„Jetzt beruhigen Sie sich doch erst einmal.“ Ich ließ meine Fäuste etwas sinken und lockerte meine angespannten Rücken- und Beinmuskeln. „Haben Sie sich verlaufen?“, fragte ich erneut. Vielleicht war er auch nur betrunken.

„Sie ist es. Die Anguana. Die Wasserfrau. Kennen Sie denn die Geschichten nicht?“

Ich überlegte. Meine Oma hatte mir einmal eine Geschichte über eine mystische Frau in den Bergen erzählt. Sie hielte sich in der Nähe von Bächen und Quellen auf. Mehr wusste ich nicht mehr.

„Ich setze mal einen Tee auf“, sagte ich und ging seitwärts zur Küche. Hoffentlich beruhigte sich dieser Typ wieder. Die Tür ließ ich vorerst offen, obwohl oder vielleicht gerade weil, sich überall meine Haare sträubten.

„Sind Sie gewandert?“, fragte ich abermals und goss Wasser in den Kessel.

„Was? Jaa“, antwortete er endlich. „Ja ja.“

„Wohin wollten Sie denn?“ Ich stellte den Gasherd an.

Er sagte nichts. Meine Augen blinzelten immer wieder flink zu ihm rüber, wie er tropfnass dastand, seine erdigen Hände an der Jeans abwischte. Er trug keinen Rucksack oder Wanderstöcke. Mir wurde immer mulmiger in der Bauchgegend.

„Ich will ja nicht unhöflich sein, aber…“
Da bellte Bobby erneut. „Bobby, ich hab doch gesagt, -.“

Wie sich der Typ so schnell hinter mich schleichen konnte, war mir ein Rätsel. Doch im nächsten Moment spürte ich den Metalldraht um meinen Hals gewickelt und roch seinen fauligen Atem. Mir wurde schlagartig schlecht und er sagte. „Falsche Zeit, falscher Ort, Sommersprosse.“ Dann zog er ruckartig zu. Schmerz flutete mein Gehirn, ich sah augenblicklich Sternchen, fragte mich im Bruchteil einer Sekunde, ob er vorhatte mich zu erdrosseln oder zu enthaupten. Ich hörte Bobby wie aus weiter Ferne bellen. Ich wehrte mich auch dann noch, als es schon dunkel um mich wurde, bekam meine Finger aber nicht unter den Draht.

„Ahhhhuuu! Du verdammter-!“

Ich wusste nicht, was passiert war. Mein Kopf pochte, alles oberhalb meiner Schultern schmerzte höllisch, doch plötzlich bekam ich wieder Luft. Ich sog sie ein, wie ein Asthmatiker, riss den Draht beiseite und stolperte nach vorne.
Zwischen meine Tränen hindurch, erkannte ich im Augenwinkel Bobby, der sich in das Bein meines Angreifers gebissen hatte. Hustend gelangte ich zur offenen Tür. Ohne zurückzuschauen, wankte ich in den Wald hinaus. Als ich Bobby winseln hörte, liefen mir noch mehr Tränen über mein Gesicht, doch ich stolperte weiter. Mein Herz überschlug sich förmlich und mein Atem pfiff, wie eine falsch gestimmte Orgel. Mir war schwindelig. Ich musste ganz schnell weg von hier!
Dann erreichte ich den Bach. Erschöpft blieb ich stehen und quälte einen krächzenden Schrei hervor. Ich erschrak vor mir selbst. Die Äste knackten und ein weiterer Blitz erhellte kurzzeitig den Wald. Ich blinzelte, wartete auf den Donner, der nicht kam. Dann erspähte ich eine junge Frau, etwas entfernt von mir, zwischen den Bäumen. Von weißem Schimmer umgeben beobachtete sie mich schweigend aus dem Dickicht heraus.
Ich erstarrte. War sie etwa die Wasserfrau? Mit zitternden Händen fasste ich an meinen Hals. Das Schlucken brannte wie Feuer.
Mit Schrecken beobachtete ich das Gesicht der Frau. Es begann sich zu verändern. Wie in Zeitlupe schmolz ihre mädchenhafte Mimik dahin, wurde zu einer runzeligen Oberfläche, faltig, ledrig. Ich dachte an verrottendes Obst und wich einen Schritt zurück. Ihre Zehen verwandelten sich in Hufe, ihr wuchsen Ziegenbeine.

„Nein“, sagte ich und weitere Tränen liefen mir über meine Wangen. Ich wich nach hinten zurück und hob meine Hände vor mich. „Nein -.“

Dann traf mein Rücken auf etwas Weiches. Ich spürte seinen Atem in meinem Nacken und roch, dass er es war. Ich wollte schreien, doch er packte mich blitzschnell von hinten. „Du entkommst mir nicht“, sagte er und würge mich immer fester. Ich rang vergeblich nach Luft, meine Lungen brannten und schemenhaft sah ich die Ziegenfrau zwischen den Sträuchern heraustreten. Mit jedem Schritt, den sie näherkam, kämpfte ich mehr mit der Dunkelheit. Jede Zelle in mir schrie. Sie grinste nur und ihre fauligen Zähne waren das letzte, was ich sehen konnte, bevor die Nacht mich verschluckte.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich mit meinem Gesicht im Matsch. Bobby stand über mir und leckte mir meine tropfende Nase ab. Der Angreifer lag reglos und Kopf nach unten im Bach neben mir. Überall um mich herum entdeckte ich Hufabdrücke.
Ein Polizist sagte mir später. „Bei Ihrem Angreifer handelte es sich um den gesuchten Frauenmörder. Wir können uns keinen Reim daraus machen, warum er die Leiche, die er gerade im Wald verbuddeln wollte, einfach liegen gelassen hat. Danach muss er quer durch den Wald gerannt und zufällig auf Ihre Hütte gestoßen sein.“

Für meine Oma war die Sache klar. „Sie hat dich gerettet, Katharina. Anguana beschützt die Guten. Und sie bestraft die Bösen“, sagte sie und umarmte mich.