Genre: Autobiographische Erzählung

Lesezeit: 15 Min.

von Ramona Hammerl

Als ich Papa davonflog

Kennst du das, wenn man die Zeit am liebsten zurückdrehen würde? Wegen einer peinlichen Situation, oder weil man den Geburtstag des besten Freundes vergessen hat? Manche Fehlentscheidungen im Leben schneiden tief. Manche Entscheidungen bedeuten sogar das Ende.

Dass mein Leben hier enden würde, das glaubte ich im August 2016, als deins längst vorbei war. lch lag jammernd vor Schmerz im Abgrund und dachte: Warum war ich nur so dumm? Diese Frage brannte wie Feuer in meinem Kopf und doch fürchtete ich, dass ich für immer erlöschen könnte. Mir war schwindelig. Wie ein Pingpong-Ball war ich zehn Sekunden vorher den Abhang hinuntergestürzt, hielt mich jetzt an den Brombeerstauden fest, um nicht noch weiter in die Tiefe zu rutschen. Mein Herz raste, ich sah die zwanzig Meter nach oben, dann zu dem abgeschnittenen Baumstamm unter mir, der meinen Sturz abrupt abgefangen hatte. Mein Körper brannte ebenfalls wie Feuer. Ich wackelte vorsichtig mit meinen Zehen. Das war an sich ein gutes Zeichen, auch wenn ich dabei vor Schmerz mit den Zähnen knirschte. Kalter Schweiß lief mir über den Nacken.
Werd jetzt nicht ohnmächtig, dachte ich und: Verblute ich gerade innerlich? Mein Puls raste. Mit den Leinen meines Gleitschirms umwickelt, hielt mich mein Gurtzeug gefangen, das mich schützen sollte. Ich schloss meine Augen und erinnerte mich an dich.

Du hast früher ständig erzählt, wie ich geboren wurde. „Deine Äuglein waren weit aufgerissen und du wolltest alles miterleben, was mit dir geschieht. Du warst so ein neugieriges Baby und wolltest nie schlafen. So als hättest du Angst, etwas zu verpassen.“ Als Sechsjährige sah ich dich an und lachte. Ich konnte noch nicht wissen, dass mich meine innere Getriebenheit für immer begleiten würde. Meine Lieblingsbeschäftigung damals war es jedenfalls, in unseren Kirschbäumen herumzukraxeln und du sagtest oft. „Du bist schon mehr ein Äffchen, als ein Kind. Du verbringst ja mehr Zeit über dem Boden als darauf.“ Ich strahlte dir von oben herab, aus der Baumkrone entgegen, doch ich bemerkte auch dein sorgenvolles Gesicht. „Bis du mal runter fällst.“

Besser als Klettern, wäre nur noch fliegen, dachte ich schon immer. Ich bastelte Schirme aus großen Plastiktüten und konstruierte Drachen. „Das klappt doch niemals“, sagtest du und du hattest natürlich Recht. Aber dann, eines Tages, ich war glaube ich, acht Jahre alt, sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Gleitschirmflieger. Sie standen aufgereiht an einer Graskuppe und hoben lautlos einer nach dem anderen ab. „Unglaublich“, meintest du. Mir fehlten die Worte, so fasziniert war ich. Ich wünschte mir, wenn ich groß wäre selbst mit einem dieser bunten Tüten abzuheben.

Als ich sechzehn war und mitten in der Pubertät – eine unzufriedene Jugendliche, die dich oft den letzten Nerv kostete – lagst du neben mir, in unserem Garten, im Liegestuhl. Wir schauten an den Ästen der Kirschbäume vorbei und beobachteten die Flugzeuge am Himmel. Mein Wunsch abzuheben hatte eine neue Dimension erreicht. Ich behielt es für mich, dass ich hoffte, irgendwann bringt mich einer von denen weit weg von hier. Und du fragtest. „Bist du schon neugierig auf dein Abschlussgeschenk?“ Dein Lächeln war warm, aber deine Augen müde. Dein Kopf hatte mittlerweile wieder Haare, doch die waren eher wie der Flaum eines Kükens. Ich lächelte zurück. Wenn es nur irgendetwas gäbe, das dich retten könnte.

Zu meinem Realschulabschluss schenktest du mir eine Fotokamera. All die Fotos, die ich noch schießen würde, solltest du nie mehr sehen. Ich verließ unser Dorf, den schönen Garten, meine Kindheit und dich. Ich wollte Abstand zu allem und wenn ich ehrlich bin, auch zu dir. Es zerriss mich beinah innerlich, dich so zu sehen. Dein liebes Vaterlächeln, das mir jeden Fehler verzieh. Auch, dass ich dich am Ende in Stich gelassen hatte? Eigentlich hätte ich vierundzwanzig Stunden am Tag weinen mögen, in der Realität weinte ich jedoch kaum. Kurz bevor mich der Druck zerquetschte, floh ich in meine Ausbildung. Ich versteckte mich in Regensburg, lenkte mich mit Freunden ab, fuhr viel zu selten nach Hause. Ein Jahr später warst du tot. Ich wollte das erste Mal in meinem Leben – also so richtig – die Zeit zurückdrehen. Ich machte mir Vorwürfe. Ich hatte zu wenig Zeit mit dir verbracht und das war nicht mehr zu ändern.

Ich weinte erneut viel weniger, als gut für mich gewesen wäre, und konzentrierte mich auf meinen Beruf. Mit vierundzwanzig hatte ich dann schon einiges erreicht, du wärst bestimmt stolz gewesen und trotzdem hatte ich oft ein komisches Gefühl im Bauch, so als wäre einem ständig ein bisschen schlecht. Mit einem schwarzen Gürtel in der Disziplin Verdrängung, hetzte ich weiter, hielt nie inne und fing an zu reisen. Langsam eroberte ich als Backpackerin die Welt. Ich war neugierig, machte viele Fotos, fühlte aber auch, dass diese Schwere im Bauch größer wurde. Als hätte ich permanent etwas Falsches gegessen.

Meine Abenteuerlust führte mich über viele Umwege auf den Gipfel eines Steinbruchs in La Calera in Argentinien. „Wenn du bereit bist, dann los. Der Wind steht gut an“, sagte mein Fluglehrer Gustavo in seinen Funk. Ich hörte ihn doppelt, weil er direkt vor mir stand. Mein Herz pochte, wie kaum jemals zuvor. Die Sonne brannte auf meinen Helm und der Schweiß lief mir unter dem Gurtzeug am Rücken hinunter. Hinter mir ein Bündel Leinen und ein lila Schirm, der mir meinen Kindheitstraum erfüllen sollte. „Okay“, sagte ich mit trockenem Mund und fühlte die Brise in mein Gesicht wehen. Ich kniff die Augen zusammen, meine Knie zitterten. „Ich starte jetzt.“ Entschlossen lief ich mit einem Ruck nach vorne, blendete die Welt um mich herum aus und tat das, was ich eine Woche lang täglich am Landeplatz geübt hatte. Ich umklammerte die Tragegurte, spürte, wie sich die Leinen zwischen den Fingern strafften, etwas zog an meinem Rücken. Ich lief weiter, bis der Schirm über meinem Kopf stand. Ich rannte und rannte, bis meine Füße den Boden nicht mehr berührten. Es prickelte eigenartig in meinem Bauch. Schon lange vor der Kante des Steinbruchs war ich in der Luft. „Sehr gut“, hörte ich Gustavo über den Stöpsel in meinem Ohr sprechen. Mein Herz pochte noch immer wie wild und ich fühlte mich von Energie geflutet. Ich war ein flügger Condor, der in die Ferne schaute, hinüber zur Stadt Cordoba am Horizont. Eine Stadt, die mein Leben in den letzten Wochen auf den Kopf gestellt hatte. Ich flog eine Kurve – es ging ganz leicht – sah zum Hügel zurück, wo Gustavo stand, mit dem Funk am Mund und wie eine Playmobilfigur wirkte. Die Grasbüschel über dem Steinbruch bewegten sich im Wind und Gustavos Straßenhunde „Err“ und „Pichie“ scherzten in der Wiese. Mein erster Flug dauerte nur drei Minuten, dann stand ich mit zitternden Knien wieder am Boden, doch das Prickeln in meinem Bauch steigerte sich ins Unermessliche. Die anderen argentinischen Piloten, die später meine Freunde wurden, liefen zu mir herüber, umarmten und beglückwünschten mich zu meinem „Primer Vuelo“. Danach grillten wir argentinisches Steak und tranken Bier. Ich fühlte mich großartig! Ich war nicht mehr die Gleiche. „Was sagen denn deine Eltern dazu?“, wollten die anderen wissen. Und da dachte ich wieder an dich und ein mulmiges Gefühl löste das aufregende Prickeln fast ab. Ich zuckte mit den Schultern und pustete dich gedanklich beiseite, als wärst du eine graue Wolke, die mir den Blick auf die Sonne verwehrt.

Die darauffolgenden Jahre flog ich immer länger und weiter und an den verschiedensten Orten dieser Welt. Aber nichts bleibt, wie es ist und auch ein Gleitschirmfliegerhimmel besteht nicht nur aus Sonnenscheintagen. Das strahlende Gefühl von Freiheit ist flüchtig und immer häufiger konnte ich meinen grauen Wolken aus Traurigkeit und Wut nicht mehr davonfliegen.

„So kannst du nicht weitermachen!“ Hörte ich etwa meinen Gleitschirm mit mir schimpfen? „Du kannst nicht allem davonfliegen! Stopp!“ Vielleicht wurde ich verrückt vor Angst, da unten im Abgrund hängend. Das Leben ist eine Ansammlung von Entscheidungen. Gleitschirmpilotin zu werden war eine super Wahl. Den Wind am Starthang zu ignorieren, der aus der falschen Richtung kam, nur um meinem inneren Stress zu entfliehen, war weniger günstig. Als ich die Rotorblätter des Hubschraubers über mir hörte, seinen Wind in meinem Gesicht spürte, war es, als wollte selbst der mich aufwecken. Ich kam ins Krankenhaus und wie durch ein Wunder hatte ich mir nichts gebrochen, aber einige Muskelbündel zerrissen, vom Nabel abwärts war ich grün und blau. Doch das würde heilen.

Dass du nicht mehr da warst, dass du nie mehr zurückkommen würdest, dass ich dich im Stich gelassen hatte, das würde nicht einfach so heilen. Mir war übel, als ich im Krankenhausbett lag, vom Schmerzmittel und den Gefühlen, die mich jetzt überrannten. Als säße ich unter einer schwarzen Wolke, die das Gewicht des Regens nicht mehr halten konnte. All die Tränen, die ich zuvor nicht weinen wollte, später nicht mehr zu weinen imstande war, strömten über meine Wangen.
Zu jener Zeit hätte ich gerne die Uhr zurückgestellt. Jetzt bin ich froh, dass das nicht möglich ist. Du bist nicht mehr hier und es ist ganz normal, deswegen traurig zu sein. Es tut immer noch weh, dass ich nicht häufiger bei dir war. Aber ich weiß heute, dass ich es damals einfach nicht konnte.

Man sagt, ein Ende ist oft ein neuer Anfang. Wenn ich jetzt fliegen gehe, tu ich das, weil es mir Spaß macht, und nicht mehr, um vor dir oder irgendetwas anderes zu flüchten. Dort oben denke ich oft an dich, rätsle, ob es so etwas wie Schutzengel eigentlich gibt und fühle mich dir wieder nah. Ich wünsche mir, dass du das irgendwie spüren kannst, wenn ich da oben meine Kreise ziehe. Meine Lebensfreude, meine Traurigkeit, meine Wut, meine Angst, mein Menschsein und dass du mir unglaublich fehlst. Ich wünsche mir, dass du zumindest dort oben, bei mir bist.